Inhalt - 7 - Geburt in der Tiefgarage des Spitals

Geburt in der Tiefgarage des Spitals


Ein Kind soll in der Privatklinik Hirslanden zur Welt kommen. Das tut es auch, allerdings in der Tiefgarage. Die Sache lässt die Eltern auch zwei Jahre später nicht los.

 


In der Tiefgarage der Zürcher Klinik Hirslanden hängt ein Plakat mit folgendem Text: «IM NOTFALL FÜR SIE DA. 24 Stunden – 365 Tage.»

Federico Baici packt noch heute die Wut, wenn er sich daran erinnert. Denn in jener Tiefgarage brachte seine Frau Silke ihr zweites Kind auf die Welt. Im Auto. Allein, während ihr Mann verzweifelt in der Klinik nach Hilfe suchte.

Sohn Siro kommt offenbar unbeschadet zur Welt, doch die Nacht in der Tiefgarage hat die Eltern traumatisiert, vor allem Federico Baici: «Ich war wochenlang arbeitsunfähig und hatte Panikattacken. Die Geburt belastet mich bis heute», erzählt der 37-jährige Geograf, der bei einer Versicherung arbeitet. Silke Baici, 36, ist Sekundarlehrerin. Bei der Geburt ihres ersten Kindes, einem Mädchen, hatte es bereits Komplikationen gegeben. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals des Babys gewickelt, und Silke Baici verlor viel Blut.

  

Direkt die Notaufnahme angesteuert

Zur Sicherheit wählen sie im Sommer 2013 für die Geburt ihres Sohnes die Zürcher Privatklinik Hirslanden. Am Abend des 11. November 2013 werden die Wehen immer stärker. Silke Baici ruft kurz vor 20 Uhr in der Klinik an. Die Hebamme beruhigt sie und empfiehlt, noch zu Abend zu essen. Knapp zwei Stunden später – die Wehen setzen in immer kürzeren Abständen ein – wählt Silke Baici erneut die Nummer des Gebärsaals und kündigt an, sie mache sich auf den Weg. Unterwegs werden die Wehen immer stärker. Federico Baici steuert direkt die Notaufnahme an, seine Frau wartet im Auto. Laut Navigationsgerät ist es nun 22.19 Uhr. Da die zuständige Krankenschwester, wie sie später zu Protokoll gibt, keinen Notfall erkennen kann, schickt sie Federico Baici zum Empfang beim nahegelegenen Haupteingang.

Der Empfang ist mit einem Sicherheitsmann und einem Rezeptionisten besetzt. Federico Baici schildert die Situation und will sich einen bereitstehenden Rollstuhl für seine Frau greifen, die noch immer im Auto wartet. Doch der Sicherheitsbeamte rät ihm, mit dem Auto in die Tiefgarage zu fahren. Von deren Besucherebene sei das mit dem Lift der schnellere Weg in die Geburtsstation. Die Einfahrt liegt rund 500 Meter vom Haupteingang entfernt. Baici fügt sich. Später gibt das Personal zu Protokoll, man habe keine besondere Dringlichkeit erkannt. «Vielleicht hätte ich lautstärker auf die dramatische Lage hinweisen müssen», sagt Baici heute. «Aber im Geburtsvorbereitungskurs lernt man als werdender Vater, ruhig zu bleiben und nicht in Panik zu geraten.» Unter grossem Protest seiner Frau steuert er die Tiefgarage an.

«Es kann nicht sein, dass nicht medizinisch geschultes Personal Patienten spätabends wieder in die Dunkelheit und vom Klinikgelände schickt», sagt Barbara Züst, Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. Sie sieht in diesem Verhalten ein klares Versäumnis: «Das Personal am Empfang kann nicht abschätzen, ob eine Geburt dringend ist oder nicht. Es hätte sofort Kontakt mit den Hebammen herstellen müssen.»

Die Wehen werden immer stärker. Das Drama nimmt nun seinen Lauf. In der Tiefgarage angekommen, fährt Federico Baici in Not und Eile nicht wie vom Sicherheitsmann empfohlen auf die Besucherebene im dritten Untergeschoss, sondern sucht den nächsten Klinikeingang. So landen Baicis vor dem Mitarbeitereingang im zweiten Untergeschoss. Silke Baici schreit vor Schmerzen. Sie spürt: Das Kind kommt bald. Sie fleht ihren Mann an, sie jetzt nicht allein zu lassen, doch Federico Baici will unbedingt Hilfe holen. Er fährt mit dem Lift hinauf ins Erdgeschoss zur Geburtsstation, doch als sich die Tür öffnet, liegt der Gang im Halbdunkel. Baici wähnt sich am falschen Ort. In Hektik kehrt er zu seiner Frau zurück.

 

Der Vater gerät in Panik

Silke Baici liegt inzwischen quer auf dem Beifahrersitz und ist bereits am Gebären. Sie bittet ihren Mann, in ihrer Hose nachzuschauen. Als Federico Baici den Kopf des Kindes ertastet, gerät er in Panik. Wieder rennt er los. Wieder bittet seine Frau ihn, sie jetzt nicht allein zu lassen. «Ich hatte nur einen einzigen Gedanken: Ich muss Hilfe holen», erinnert er sich.

Nach Baicis Rekonstruktion ist es nun 22.28 Uhr. Wieder fährt er hoch ins Erdgeschoss, findet nun die Geburtsstation und klingelt Sturm vor der verschlossenen Tür. Der Hebamme schildert er, dass die Geburt in vollem Gange sei, und fordert Hilfe und einen Rollstuhl. Da die Hebamme erst einen Rollstuhl organisieren muss, wie sie später zu Protokoll gibt, schickt sie Baici zurück zu seiner Frau und verspricht, dann nachzukommen. Wieder geht wertvolle Zeit verloren.

Auch hier sieht Patientenschützerin Barbara Züst ein schweres Versäumnis: «Die Hebamme hätte sich sofort ein Bild der Lage verschaffen müssen und den Vater nicht wieder allein losschicken dürfen. Wenn sie sofort mitgegangen wäre, hätte sie unter Umständen noch bei der Geburt helfen können.»

Als Federico Baici gegen 22.32 Uhr wieder bei seiner Frau ankommt, ist das Kind bereits geboren. Zur gleichen Zeit stösst eine Kardiotechnikerin hinzu. Sie hat Dienstschluss und bemerkt die um Hilfe rufende Silke Baici. Die Kardiotechnikerin birgt das Neugeborene aus der Schwangerschaftshose. Weil aber die Nabelschnur unter dem rechten Oberschenkel der Mutter eingeklemmt ist, kann sie ihr das Baby nicht auf die Brust legen. Es gelingt ihr, das Kind in ein Tuch zu wickeln. Die Kardiotechnikerin hält das Kind fest, bis Hilfe eintrifft. Doch das dauert weitere lange Minuten, da die Hebamme die Baicis auf der Besucherebene sucht, sie dort nicht findet und deshalb in den Gebärsaal zurückkehrt. Erst jetzt erfährt die Hebamme, dass sich Baicis im zweiten Untergeschoss befinden – und trifft dort gegen 22.42 Uhr ein, mehr als zehn Minuten nach der Geburt – und ohne Gebärkoffer. Eine zweite Hebamme bringt schliesslich die Schere zum Abnabeln.

 

Die Eltern machen der Klinik Vorwürfe

Federico Baici ist ausser sich vor Wut. Gemäss ihrer Erinnerung wird Silke Baici schliesslich gegen 23 Uhr in den Gebärsaal gebracht, ihr Sohn wird untersucht und für gesund befunden. Er scheint die dramatische Geburt gut überstanden zu haben. Nicht aber die Eltern. «Für mich war es das Schlimmste, dass sich mein Mann nicht über die Geburt unseres Sohnes freuen konnte», erzählt Silke Baici unter Tränen. Dieser ergänzt: «Ich war fix und fertig. Ich hatte riesige Schuldgefühle, weil ich meine Frau allein gelassen habe.»

Silke und Federico Baici fühlen sich wie vor den Kopf gestossen. Denn in den Tagen danach gehen weder das Pflegepersonal noch die Klinikleitung auf sie zu, um sich für den Vorfall zu entschuldigen. Und offenbar ist nicht einmal das Pflegepersonal auf der Wochenstation, wo Silke Baici fünf Tage bleibt, über die dramatische Geburt informiert. «Die Kinderärztin fiel aus allen Wolken, als ich ihr die ganze Geschichte erzählte», erinnert sich Silke Baici.

Federico Baicis einziger Gedanke nach der Nacht in der Garage: Er will die Aufzeichnungen der Überwachungskameras sicherstellen lassen, um Beweise zu sammeln. Beweise dafür, dass der Klinik Fehler unterlaufen sind. Am Abend nach der Geburt erstattet er Anzeige bei der Polizei. Bereits drei Wochen später, am 2. Dezember 2013, will der Staatsanwalt den Fall zu den Akten legen, da «weder ein Sachverhalt von strafrechtlicher Relevanz noch ein strafrechtlich bedeutsames Verhalten ersichtlich ist». Doch Baicis Anwältin Vera Delnon hält an der Anzeige fest und beantragt, dass ein Strafverfahren eröffnet wird.

 

Der Anwalt der Klinik widerspricht

Die Klinik notierte als Geburtszeitpunkt 22.40 Uhr. Die Anwältin ist überzeugt, dass das falsch ist. «Es war ja kein Klinikpersonal dabei.» Nach der Rekonstruktion der Baicis muss Sohn Siro rund zehn Minuten früher zur Welt gekommen sein. «Und da die Kardiotechnikerin zu Hilfe kam, als das Kind bereits geboren war, ist nicht sicher, ob das Baby in den ersten zwei Minuten genügend Sauerstoff bekam», sagt die Anwältin. Sie will prüfen lassen, ob eine strafbare Gefährdung der Gesundheit vorliegen könnte. Zudem sei der Schock, den beide Eltern erlitten haben, eine Körperverletzung.

Der Anwalt der Hirslanden-Klinik widerspricht. Er schreibt, «dass die Ermittlungen kein strafrechtlich relevantes Verhalten zutage fördern werden». Darüber hinaus müsse er sich «ausdrücklich eine Anzeige wegen falscher Anschuldigungen vorbehalten».

Baicis sind empört. «Wir möchten, dass dieser Fall sauber untersucht und aufgearbeitet wird. Einerseits für uns, aber auch, damit sich so etwas nicht wiederholen kann», sagt Silke Baici. Und sie erwarten eine Entschuldigung, «denn schliesslich sind Fehler passiert».

Dass der damalige Klinikdirektor erst sechs Wochen nach der Geburt, am 24. Dezember 2013, Verständnis zeigt und sich nur für die «kommunikativen Missverständnisse und die entstandenen Unannehmlichkeiten» entschuldigt, reicht Baicis nicht. «Wenn sich die Klinik sofort und umfassend entschuldigt hätte, wäre der Fall für uns vermutlich erledigt gewesen», sagt Federico Baici.

Inzwischen würden sie sich eine Genugtuung und die Erstattung ihrer Anwaltskosten wünschen. Auf das Angebot zu einem klärenden Gespräch wollen Baicis nur eingehen, wenn ihnen die Klinik Einsicht in die internen Befragungsprotokolle aller involvierten Mitarbeiter gewährt. Die Klinik selbst will sich auf Anfrage des Beobachters wegen des laufenden Verfahrens nicht zu dem Vorfall äussern.

 

Keiner befragte bisher die Mutter

Inzwischen läuft die Strafuntersuchung seit bald zwei Jahren. «Die Ermittlungen wurden bisher nur einseitig geführt», bemängelt Franz Riklin. Der emeritierte Strafrechtsprofessor der Uni Freiburg berät Anwältin Delnon. «Bislang wurden nur die involvierten Klinikangestellten von der Polizei einvernommen, nicht aber die Mutter des Kindes.» Zudem sei nicht abgeklärt worden, ob jemand für die offensichtlichen Organisationsmängel in der Klinik verantwortlich sei.

Zur grossen Überraschung der Baicis will der Staatsanwalt beide Eltern jetzt doch noch einvernehmen lassen. «Wir sind natürlich sehr froh, dass wir endlich auch unsere Sicht der Dinge zu Protokoll geben können», sagt Silke Baici. Die Eltern hoffen, bald einen Schlussstrich unter die traumatische Nacht ziehen zu können. Offen bleibt vorläufig, welche Konsequenzen die Klinik Hirslanden aus der dramatischen Geburt gezogen hat.

 

Text: Stephan Hille

Ihr Kommentar zur Sendung

    • Kommentare

      (1)
      • Josef Wiss11.11.2015 | 19:07

        Ich verstehe nicht, dass Beobachter-TV diesem Fall eine so grosse Bühne gibt. Ich glaube, wir haben grössere Sorgen auf der Welt, als dieses Missgeschick, beim dem letztlich nichts Schlimmes passiert ist und wo zudem die Klagenden einen Teil selber schuld sind. Gemäss Bericht fuhr der Vater ja selber in das falsche Geschoss in der eigentlich gut signalisierten Tiefgarage. Und dass bei der Frage, was sie denn erwarten, die Frau zuerst über Geld spricht und erst am Schluss noch knapp die Erwartung einer Entschuldigung nachschiebt, da bleibt doch auch ein fahler Nachgechmack.

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