Türsteher sind keine Morgenmenschen. Die Festbänke, an denen «Konfliktbewältigung für Security-Leute» gebüffelt werden soll, füllen sich nur nach und nach. «Ihr seid die Chefs hier drin», beginnt schliesslich Kursleiter Peter Hauser, Dienstchef Ausbildung bei der Stadtpolizei Winterthur, «ihr wisst, was vor den Clubs abgeht.» Und später: «Die meisten Gäste sind anständig, aber es gibt auch die anderen.»

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Um die anderen, schwierigen, und den Umgang mit ihnen geht es. Darum sitzen ein gutes Dutzend Security-Leute in diesem spärlich beheizten Clublokal in der Winterthurer Partymeile. Der Dienstälteste steht seit 16 Jahren an der Tür. Erst seit sechs Monaten ist der dabei, den man rein optisch am ehesten seiner Berufsgattung zugeteilt hätte: gross, breit, braungebrannt, glatzköpfig. Der Älteste ist über 40, der Jüngste 22. Man ist per du.

Nun sollen die Probleme auf den Tisch respektive auf rosarote Zettel. «Rassismus, Alkohol und Drogen» schreibt einer, «Bedrohung mit Flaschen» ein anderer, «Rechte belehren» ein Dritter. «Dass die Bullen stressen, kannst du nicht aufschreiben», flüstert einer. Die anderen verdrehen die Augen. Nonverbale Kommunikation ist das, wie sie später erfahren werden.

Angepöbelt zu werden ist ihr Alltag: Klagen der Security-Leute über unflätige Gäste

Quelle: Stefan Walter

Die «Rechte» sind das Stichwort für Daniel Beckmann, Jurist und Chef Rechtsdienst bei der Stadtpolizei. «Das ist im Fall der Zweithöchste von denen», raunt ein Türsteher, während der Zweithöchste fragt: «Was heisst ‹Rechte belehren›?» – «Dass jeder Gast das Gefühl hat, er könne uns sagen, was wir tun dürfen und was nicht», sagt Cemil. An Wochentagen fährt Cemil Pakete aus, am Wochenende steht er an der Tür eines Winterthurer Klubs. Dieses Problem hätten seine Polizisten auch, erwidert Beckmann. Früher hätte man einfach eine Tasche durchsuchen können, heute werde jeder Beamte angegangen: «Wo steht das, dass du das darfst?» Genau darum müssten sie ihre Rechte kennen. Es folgen Ausführungen zum Unterschied zwischen dem Zivil- und dem Strafrecht. Für viele der Kursteilnehmer ist das neu.

Tatsächlich bewegen sich Türsteher in einem rechtlichen Graubereich. Sie dürfen Gästen zwar den Zutritt ins Lokal verweigern und verlangen, dass die Hausordnung eingehalten wird. Aber sie dürfen keine Kontrollen erzwingen und die muskulösen Oberarme nur dann einsetzen, wenn sie oder andere körperlich angegriffen werden. Einfach rausschmeissen? Geht nicht. «Die Einzigen, die von Gesetzes wegen Gewalt anwenden dürfen, sind grundsätzlich Polizeibeamte», stellt Beckmann klar.

«Scheissalbaner» und «Rassist»

Schlägereien, Alkoholexzesse, Müllberge: Seit Jahren macht das Partyvolk negative Schlagzeilen. Auch in Winterthur. Zwischen Donnerstag und Samstag kommt es regelmässig zu Auseinandersetzungen zwischen Gästen, Polizei und Security-Leuten. Deshalb beschloss der Winterthurer Stadtrat 2011 den Aktionsplan Hauptbahnhof. Teil davon sind die freiwilligen Verhaltensschulungen für das Security-Personal. «Es ist der Dreh- und Angelpunkt des Nachtlebens», sagt Kursleiter Peter Hauser.

«Was sind die Grundvoraussetzungen für euren Job?», fragt er ins Plenum. «Freundlichkeit», sagt einer, ein anderer findet, «dass wir die Kontrolle gewährleisten können». «Genau», sagt Hauser, «‹first point of contact› seid ihr, die Visitenkarte. Wenn ihr es gut macht, fühlen sich eure Gäste sicher, auch wenn es ein paar hat, die Stress machen.»

Davon scheint es freilich relativ viele zu geben. Angepöbelt zu werden sei Alltag, sagen die Türsteher unisono. Sevdail, der in seiner Heimat Mazedonien als Goldschmied gearbeitet hat und heute neben seinem regulären Job in der Sanierungsbranche als Security-Mann tätig ist, sagt, das Angemachtwerden zehre an den Nerven: «Die Schweizer nennen mich ‹Scheissalbaner›, die Dunkelhäutigen ‹Rassist›.» Simon, der seit zwei Jahren jedes Wochenende an der Tür eines Clubs steht, um sein Studium zu finanzieren, bestätigt: «Das isch so.» Die Jungen im Ausgang seien halt einfach das Abbild der Gesellschaft. «Keiner hat mehr Respekt vor dem anderen.»

Auf der Leinwand im Schulungsraum steht inzwischen: «Wir haben einen Gast mit Kokain erwischt und halten ihn fest.» Und: «Einer Person ist ein Teil des Ohrs abgebissen worden, der mutmassliche Täter konnte durch die Security arretiert werden.» Beides reale Meldungen, die kürzlich bei der Stadtpolizei eingegangen sind. «Hat die Security richtig gehandelt?», fragt Jurist Daniel Beckmann in die Runde. «Ja», sagt ein Kursteilnehmer. Beckmann schüttelt den Kopf. «Eben genau nicht. Den mit dem Kokain müsst ihr laufen lassen. Wenn er nur für den Eigenkonsum was dabeihat, ist das nur eine Übertretung. Den Ohrbeisser dürft ihr fixieren, bis die Polizei da ist, aber nur, wenn ihr ihn in flagranti erwischt habt.» Nur dann ist eine «vorläufige Festnahme durch Private» erlaubt.

Sie sorgen für Sicherheit in Clubs: Cemil, Dario, Daniel, Simon, Sevdail (von links nach rechts)

Quelle: Stefan Walter
«Es läuft nicht alles rund»

«Ist das jetzt Notwehr, wenn ich einen am Arm packe, weil er mir ‹Scheissjugo› austeilt und mich schubst?», fragt Cemil, der notabene aus der Türkei stammt. «Wenn er dich angreift, ist es Notwehr», sagt Beckmann. «Du darfst dich verteidigen. Aber du musst einfach damit rechnen, dass du nachher ein Verfahren am Hals hast. Der Kokainkonsument zum Beispiel, den ihr festhaltet, der kann euch anzeigen.» Spätestens jetzt sind die Kursleiter mittendrin im Wespennest. Schnell ist klar: Das Verhältnis zwischen der Polizei und der Security ist nicht unbelastet. «Wenn wir die Polizei rufen, warten wir eine halbe Stunde, bis sie kommt. Ruft ein Gast an und sagt, wir hätten ihn angegriffen, geht es keine fünf Minuten», beklagt sich ein Kursteilnehmer. «Wenn die Polizei da ist, sind immer wir die Neger», meint ein anderer. Geräuschvolles Nicken in den Bänken.

Einer sagt, die Beamten weigerten sich, Gewalttäter mitzunehmen. «Sie reden ein wenig mit denen und gehen dann wieder.» Er selber sei erst kürzlich mit einer Flasche verletzt worden – obwohl die Beamten vorher dagewesen seien. «Es läuft nicht alles rund», lenkt Kursleiter Hauser ein. Genau deswegen sei man ja heute hier. «Zwischen unseren Leuten und der Security gibt es unterschiedliche Meinungen, was die Polizeieinsätze anbetrifft.»

In erster Linie fehle es an gegenseitigem Verständnis. «Wenn einer besoffen ist und herumgrölt, können wir ihn höchstens verzeigen, nicht einfach mitnehmen. Das müsst ihr wissen.» Weil das alles so komplex sei, müsse man mehr miteinander reden, schliesslich habe man das gleiche Ziel: eine Partymeile ohne «Lämpen».

«Sie sagen nicht ‹Latschi›…»

Am Nachmittag wird es handfester: Polizist Attila Garamszegi mimt den Bösen. Er pöbelt, beleidigt, macht Radau. Die Kamera läuft. Das Türsteher-Duo Cemil und Sevdail beschwichtigt ihn, die beiden wenden an, was sie gelernt haben: deeskalierend zu kommunizieren, klare Aussagen, sicheres Auftreten. Attila teilt «Witzfigur» aus und «Latschi». Cemil und Sevdail bleiben die Ruhe selbst. «Leider fühlen sich ein paar Gäste von dir gestört», sagen sie. «Welche?», fragt Attila. Sevdail sagt: «Das tut nichts zur Sache.» Cemil sagt: «Wir wollen doch einfach einen ruhigen Abend haben. Einfach easy. Du doch auch.»

Attila setzt einen drauf. Der Hüne weiss, wie man provoziert. In den Bänken kommt Unruhe auf. «Jetzt muss aber mal etwas gehen», sagt einer, der seinen Job seit mehr als zehn Jahren macht. «Ich diskutiere doch nicht stundenlang mit einem Besoffenen», sagt ein anderer. In der Analyse der Videoaufnahme ortet auch Kursleiter Hauser Verbesserungspotential. «Habt ihr euch vor dem Einsatz abgesprochen?», fragt er. Kopfschütteln. «Was wolltet ihr genau vom Gast?», fragt er weiter. «Rausbringen», sagt Cemil. «Beruhigen», sagt Sevdail. «Ihr müsst ganz sicher sein, was ihr tut», sagt Hauser. «Der Körper lügt nie. Wenn ihr unsicher wirkt, habt ihr schon verloren.»

Dario, angehender Sekundarlehrer, der seit drei Jahren als Security arbeitet, findet das Übungsbeispiel gut gewählt, weil realistisch. «Ausser, dass sie nicht ‹Latschi› sagen, sondern ‹Figg dini Mueter›», flüstert sein Nachbar auf der Festbank.

Attila Garamszegi hält die Reizwörter wohl bewusst zurück. Im letzten Workshop, sagt er später, sei die Situation im Rollenspiel eskaliert, und das sei ja wohl das Letzte, was man hier wolle.

Bereits zum vierten Mal wird an diesem grauen Dienstag in Winterthur ein solcher Kurs durchgeführt. Die Zwischenbilanz, sagt Peter Hauser, sei ermutigend. «Die Polizei musste weniger ausrücken», insbesondere sei die Zahl der Fehlalarme zurückgegangen. Die Ausbildung der Türsteher zeigt Wirkung, da ist man sich einig. Auch auf der anderen Seite: «Die Leute machen weniger Stress, weil sie wissen, dass wir jetzt enger mit der Polizei zusammenarbeiten», so Cemil.

«Ich setze meine Stärken ein»

Vor der Feedback-Runde verliest Peter Hauser noch die Verhaltensgrundsätze für Security-Personal: «Ich setze meine Stärken ein und arbeite an meinen Schwächen. Ich achte den Menschen, auch wenn er besoffen ist. Ich verurteile ihn nicht, nur weil er eine schwarze Haut hat.»

Dann leeren sich die Festbänke langsam. Die meisten der harten Jungs an der Clubtür würden wiederkommen. Weil sie Berufskollegen kennengelernt haben, Polizisten, die ihnen zugehört haben. Und weil sie dem nächsten aufsässigen Gast sagen können: «Sie begehen Hausfriedensbruch, Artikel 186 Strafgesetzbuch.»