Der Plan der Lebensmittelhersteller war genial. So genial, dass es Mars bereits vor sechs Monaten zu viel wurde. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass der Ansatz gegenwärtig nicht über genug Glaubwürdigkeit […] verfügt», teilte der Schoggiriegel-Hersteller im Frühjahr mit.

Die Industrie hatte das eigene Ampel-Label derart verwässert, dass Mars nicht mehr mitmachen wollte. Es verspreche Klarheit, streue den Kunden aber Sand in die Augen. Man wünsche sich ein Label, das weniger interpretationsbedürftig sei, liess der US-Konzern verlauten.

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Trotz Misstönen wollte die Allianz aus fünf grossen Lebensmittelkonzernen ihr fragwürdiges Ampelsystem in Europa einführen. Coca-Cola hat es in der Schweiz vor einigen Wochen lanciert. Nestlé wollte mit einzelnen Produkten per Ende Jahr folgen. Unilever, Mondelez und Pepsico ebenso.

Doch nun stoppen die Konzerne ihr Label-Projekt im letzten Moment. Die Kritik an ihrem Portionentrick wurde so laut, dass sie zurückbuchstabieren. Das Label wird nur auf der Vorderseite von Getränkeflaschen wie Coca-Cola leuchten, nicht auf Nahrungsmitteln wie Müesli oder Kinderschokolade. Die Konsumentenschützer freut’s: «Die irreführende Fake-Ampel wurde zurecht auf Eis gelegt», sagt Luise Molling von der industriekritischen Organisation Foodwatch.

Bloss nicht Rot anzeigen

Mit dem Ampelsystem wollten die Hersteller angeblich den Konsumenten helfen, sich «ausgewogen und bewusst» zu ernähren. Die Nährwertkennzeichnung basierte weitgehend auf den Grundlagen der Britischen Agentur für Lebensmittelnormen. Doch die Industrie-Ampel sprang viel seltener auf Rot als die staatlich geprüfte britische. Das freiwillige Industrie-Label zeigte nicht einmal dann die Warnfarbe Rot, wenn ein Produkt zu 90 Prozent aus Zucker Zucker Der süsse Killer  und Fett bestand, etwa Kinder-Schokolade (siehe Grafik unten).

Den Konzernen gefiel zwar das simple System der Briten. Nicht aber die Skala, die dahintersteckt. Also erfanden sie den Portionentrick: Wenn eine «Portion» kleiner ist als 60 Gramm, darf sie viel ungesünder sein als bei den Briten. Ein kleine Portion Müesli mit einem Zuckeranteil von 45 Prozent etwa hat keinen «hohen» Zuckeranteil, sondern einen «durchschnittlichen». Statt Rot zeigt die Industrie-Ampel in diesem Fall Orange.

Der Portionentrick hat absurde Folgen: Bei Kinder-Schokolade könnte die Zucker-Ampel selbst dann nicht auf Rot springen, wenn das Produkt zu 100 Prozent aus Zucker bestünde. Denn der Hersteller geht davon aus, dass man üblicherweise nur ein einziges Schoggi-Reiheli pro Tag isst. Diese «Portion» ist mit 12,5 Gramm so klein, dass der Zucker darin die «empfohlene Tagesdosis» gar nicht übersteigen kann. Gemäss Definition der Industrie hat also selbst purer Zucker nicht zwingend einen hohen Zuckeranteil.

«Die Ampel der Lebensmittelindustrie täuscht die Konsumenten», sagt Barbara Pfenniger von der Westschweizer Konsumentenorganisation FRC. «Produkte erscheinen gesünder, als sie tatsächlich sind.» Die Erfinder der Industrie-Ampel widersprachen dem monatelang. Das Label sei nicht irreführend und beruhe auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sagten sie.

Doch Mitte November zog die Industrieallianz dem Projekt den Stecker. Nestlé begründet den Stopp damit, dass einzelne Staaten mit dem gewählten Portionen-Ansatz nicht einverstanden gewesen seien. Zudem gebe es keine gesetzlich festgelegte Portionengrössen, auf die sich die Hersteller stützen könnten. Die fünf Konzerne fordern die EU nun auf, Portionengrössen festzulegen.

Die Hälfte der Tagesdosis

Um die «richtige» Portionengrösse wird bereits heftig gestritten. Die Industrie hat sich eigene Richtlinien für Portionengrössen gegeben, wonach beispielsweise ein Erwachsener 50 bis 60 Gramm Müesli Wirkungslose Versprechen Müesli sind immer noch zu süss isst. Doch an die eignen Richtlinien halten sich längst nicht alle Hersteller. Einige gehen bis heute davon aus, dass ein Erwachsener nur 30 Gramm Müesli zum Zmorge isst. Die Portionengrösse ist entscheidend: Verzehrt jemand die realistische Menge des erwähnten 45-Prozent-Zucker-Müeslis, hat er 25 Gramm Zucker intus. Das ist bereits die Hälfte der maximal empfohlenen Tagesdosis der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Davon steht auf der Verpackung aber nichts, weil sich weder die Schweiz noch die EU an den Zuckerempfehlungen der WHO orientieren. Die Behörden haben unter dem Druck der Industrie eine deutlich höhere Tagesdosis als Richtwert akzeptiert. Dieser Wert basiere jedoch auf einer «ungewöhnlichen Berechnungsweise», heisst es bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, er sei «nicht objektiv» und für die Konsumenten «wenig hilfreich». «Mit solchen Angaben wird ein höherer Zuckerkonsum legitimiert», sagt Sprecherin Antje Gahl.

 

«Die irreführende Fake-Ampel wurde zurecht auf Eis gelegt.»

Luise Molling, Foodwatch

 

Doch warum machten sich die Hersteller überhaupt die Mühe, ein eigenes Ampelsystem zu erfinden? «Die Lebensmittelindustrie steht unter Druck, weil die EU-Kommission derzeit über strengere Vorgaben für Nährwert-Ampeln diskutiert», sagt Konsumentenschützerin Barbara Pfenniger. Mit der freiwilligen Industrie-Ampel wollten die Hersteller eine «wirklich nützliche EU-Ampel» verhindern. Wie die EU nach dem Scheitern der Industrie-Ampel reagiert, ist offen. Ein Bericht dazu will die zuständige Behörde im nächsten Jahr vorlegen.

Konsumentenorganisationen fordern nun, dass die fünf Konzerne auf den Nutri-Score umschwenken. Dieses Ampelsystem stammt von der französischen Regierung und ist einfacher ist als die britische Ampel. Französische Hersteller werden es bald in die Schweizer Ladenregale bringen. Eine Studie in 60 Supermärkten hat zudem gezeigt, dass die Nutri-Score-Ampel wirkt. Die Kunden kauften mit dem Nutri-Score im Durchschnitt gesündere Lebensmittel ein. Je weniger sie verdienen, desto grösser der Effekt. Viele Ernährungswissenschaftler halten das französische System deshalb für die beste Lösung.

Sogar informativ

Selbst gut informierte Konsumenten können mit dem Nutri-Score dazulernen. So erhielte etwa Nestlés Nesquik-Schokomüesli, das viele für eine Zuckerbombe halten, die zweitbeste Note B. Die zuckerreduzierte Version «Alphabet» würde mit der Topnote A gar «beste Nahrungsmittelqualität» erreichen. Denn Nestlé mischt Ballaststoffe bei und verwendet Vollkornmehl. Das wiegt im Nutri-Score-System das Minus für den zugefügten Zucker auf. Nestlé bringt das Nesquik-Müesli denn auch gern vor, um zu demonstrieren, wie viel man freiwillig gegen Zucker unternehme und wie unnötig Anti-Zucker-Gesetze seien. Seit 2003 hat der Konzern den Zuckeranteil beim Nesquik-Müesli schrittweise von 38 auf 25 Prozent gesenkt. «Wir reduzieren den Zucker weltweit freiwillig, auch ohne Zuckersteuer», sagt Forschungs- und Technologiechef Stefan Palzer. Das Zauberwort bei Palzers Team am Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne heisst Reformulierung, also Rezeptänderung. Die Arbeit der Forscher lässt sich der Konzern – laut eigenen Angaben – allein in der Schweiz rund eine Milliarde Franken pro Jahr kosten.

 

Neue Produkte mit weniger Zucker helfen – doch die alten Zuckerbomben bleiben im Angebot.

 

Das Reformulierungsprogramm zeigt, dass einzelne Produkte so massiv verändert werden können, dass sie im Nutri-Score-Test super abschneiden. Dennoch wird das Label aus Frankreich voraussichtlich auf keinem Nestlé-Produkt zu sehen sein. Der Konzern fordert von der EU-Kommission ein anderes einheitliches Label, dass «lebensnahe» Portionengrössen berücksichtige. Grund für die Absage an Nutri-Score dürfte auch sein, dass viele andere Nestlé-Produkte auf der Nutri-Score-Skala schlecht abschneiden. Das Cini-Minis-Müesli, das Nestlé als Kinderfrühstück bewirbt, erhielte beispielsweise die zweitschlechteste Note D.

Hinzu kommt: Die Rezeptänderungen dienen der Gesundheit nur, wenn die verbesserten Produkte die alten ersetzen. Das ist nicht immer so. Das Nesquik-Müesli «Alphabet» hat zwar nur noch 15 Prozent Zucker, darf das Nesquik-Müesli «Original» mit 25 Prozent Zucker aber nicht ablösen. Nestlé behält beide im Sortiment – «um den Konsumenten die Wahl zu lassen».

Nestlé verteidigt den Portionenansatz. Damit Konsumenten einfach entscheiden könnten, sei die Angabe der Nährwertinformationen pro Portion wichtig. Für Konsumentenschützerin Pfenniger ist das Augenwischerei. Konsumenten benötigten eine einheitliche Kennzeichnung pro 100 Gramm, nicht pro Portion. «Nur so können sie Produkte miteinander vergleichen und dann selbst entscheiden, was sie kaufen und wie viel sie davon essen.»

Das Verwirrspiel mit den Labels

Warnfarben auf Verpackungen sollen den Konsumenten sagen, wie gesund ein Produkt ist. In den Schweizer Regalen werden schon bald drei verschiedene Labels zu finden sein. So unterschiedlich kennzeichnen sie die Inhaltsstoffe von Kinder-Schokolade:

Die britische Ampel

Britisches Ampelsystem

Wenn ein Produkt sehr viel von einem Bestandteil enthält, springt die Ampel auf rot – unabhängig von der Portionengrösse. Basis ist die empfohlene Tagesdosis für eine erwachsene Person. Zu finden etwa auf Weetabix-Müesli.

Quelle: Screenshot

Die Industrie-Ampel

Zucker-Ampel

Wie die britische Ampel – nur springt die Industrie-Ampel viel seltener auf Rot. Denn je kleiner die Portion, desto ungesünder darf sie sein. Die Ampel wird aufgrund der grossen Kritik nun doch nur auf Getränken angebracht. Zu finden etwa auf Coca-Cola.

Quelle: Screenshot

Der Nutri-Score

Nutri-Score

Der französische Nutri-Score zeigt die Nährwertqualität auf einer Skala von A bis E an. Viel Zucker oder Fett gibt Minuspunkte, Ballaststoffe oder Proteine geben ein Plus. Die Portionengrösse spielt keine Rolle. Zu finden zum Beispiel bald auf Danone-Produkten.

Quelle: Screenshot
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Chantal Hebeisen, Redaktorin
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